20 Am nächsten Tag
Ich kannte bis jetzt meine Liebe für den Ghat und den sanften Schoß der Shri Jamunaji nicht, bis ich sie heute morgen wieder besuchte. Und meine Sakhis - bis heute morgen wußte ich nicht wie sehr ich sie liebte, jede einzelne von ihnen. Nach meiner Gefangenschaft hatte der Sport einen neuen Reiz, die Arbeit war eine neue Freude. Freundschaft hatte eine nicht - zu - träumende Süße, Gelächter war fröhlicher, die Schönheit der lustigen bunten Saris war glänzender, die Blumen duftender, der Luftzug sanfter, die Vogelstimmen melodiöser als jemals zuvor. Mein Herz füllte sich mit Freude bis ich fast anfing zu weinen!
Ich kam nach Hause, auf Gras gehend, das meine bloßen Füße wie auf kühlem Samt trug, unter einem klaren, blauen Himmel, der strahlendes Lächeln auf mich zu schütteln schien. Freude verlieh meinen Bewegungen Schnelligkeit und die Hütte wurde gewischt, die Kuh gefüttert, die Töpfe und Pfannen geputzt, all das mit einer Eile, die Worte überraschtenBeifalls aus meiner Schwiegermutter hervorlockte. Nachdem all dies getan war, hatte ich noch Zeit frei, denn es war noch nicht Mittag. Darum nahm ich meine schimmernde Lota vom Sims, lief munter hinaus zum kleinen Fluß, der durch den nahegelegenen Tamarindenhain fließt und begann einen neuen Schritt in der Rasa zu üben, den meine Kameradinnen mir heute morgen beigebracht hatten.
Die Lota auf meinem Kopf zum Gleichgewicht, meine Hände frei zum Klatschen, den »Padar« meines Saris festgezogen und sicher in meine Taille gesteckt, tanzte ich rundherum, »eins, zwei, drei, vier - eins, zwei, drei, vier« zählend, das sogleich zu »Ma - a - dha - va, Ma - a - dha - va« wurde. Ein scharfer Schlag auf meine Schulter brachte mich mit einem heftigen Ruck zu mir selbst, die Lota schlüpfte von meinem Kopf und fiel mit Krach zu Boden. Gleichzeitig hörte ich neben mir einen Schmerzensschrei, wie die protestierende Klage einer Sarangi bei der Berührung eines Anfängers. Ich drehte mich schnell um, um dort meine Schwägerin Malati zu finden, ihren verletzten Zeh pflegend und
Verwünschungen murmelnd.
Verwünschungen murmelnd.
»Du - Du vom Teufel Besessene!« kreischte sie. »Niemals kann ich Dir nahe kommen, ohne in irgendeiner Art und Weise verletzt oder belästigt zu werden!« Ich hätte Worte des Mitleids gesprochen, aber der Anblick Malatis, auf einem Fuß herumhüpfend und den anderen Zeh in ihrer Hand haltend, überwältigte mich so, daß ich mich herumdrehte, meinen Padar über mein Gesicht ziehend. Im nächsten Moment hatte ich meine Fröhlichkeit unterdrückt und wandte mich ihr zu.
»Wirklich Schwester«, sagte ich voller Zerknirschung, »ich bin darüber sehr traurig. Ich hoffe Dein Zeh ist nicht stark verletzt?« Und ich beugte mich um es zu prüfen, ebenso um meine tanzenden Augen zu verbergen und auch um zu sehen, welch Schaden durch meine unglückliche Lota über sie kam.
»Ja, kein Zweifel, Du bist traurig! Dein Tanzen zeigt es!« »Aber - aber!« stammelte ich befremdet. »Ich tanzte bevor Du kamst -« »Gut, gut, das macht nichts. Geh von dannen!« »Wohin?« fragte ich verdutzt. »In die Wälder; mit Dadas Brot und Chhachh. Und sieh zu, daß Du Dich nicht verzögerst oder...Aber ich blieb nicht länger um zuzuhören, denn ich war wirklich froh, so leicht davongekommen zu sein!
Zu Hause angekommen, wurde meine aufgestaute Fröhlichkeit nicht länger überprüft und meine Schwiegermutter kam zu mir, als ich an der Tür lehnte, erschöpft und schwach, mit Tränen, die hilflos meine Wangen herunterliefen. »Warum Sharmila!« sagte sie voller Verwunderung. »Was ist los?« » N - n - nichts, Mataji«, schnappte ich nach Luft. »Ich denke bloß darüber nach, wie eine Saras aussehen würde, wenn sie zu tanzen anfinge!« Wobei ich wieder verschwand. Mataji schüttelte ihren Kopf. »Was für ein Kind Du noch bist!« sagte sie. Aber ihre Stimme war sehr freundlich und ihr Mund zuckte einmal oder zweimal, so als ob die Vorstellung einer tanzenden Saras auch sie belustigte, mehr als sie zugeben wollte.
Die Wälder waren unter der Mittagssonne ruhig, als ich mit dem Brot und dem Chhachh für meinen Herrn vorausschritt. Irgendwie von der Hitze erdrückt, suchte ich den Schatten eines großen Banyanbaumes, der seine Äste wie Arme weit ausstreckte, um alle lebenden Dinge an seinem Busen willkommen zu heißen. Als ich sein Obdach erreichte, spielte irgendwo eine Flöte, - und sofort - verlor ich das Bewußtsein des Selbstes, wurde wie ein Stein, tot für die Welt, tot für den Ablauf der Zeit, vollkommen meinen Botengang vergessend. Ein freundlicher Zweig, der mir auf den Kopf tippte, rief mich zu mir selbst zurück und ich setzte meinen Weg fort, mein Herz seltsam traurig, fröhlich, aufgewühlt und besänftigt zugleich.
Mein Nath wartete und begrüßte mich mit jenem Lächeln, das niemand außer mir jemals auf seinen Lippen gesehen haben mag und das unzählige Lampen im Tempel meines Herzens anzuzünden scheint. Aber oh weh! Meine Freude war kurz, denn, als ich die Lota von meinem Kopf nahm und sie ihm hinreichte, oh! sie war leer.
