Osho
Gegen zwölf Uhr gingen meine Augen plötzlich auf, ich hatte sie nicht selbst geoffnet. Etwas anderes hatte den Schlaf unterbrochen. Ich spürte eine starke Gegenwart um mich herum im Raum. Es war ein sehr kleines Zimmer. Ich spürte pulsierendes Leben um mich herum, eine starke Vibration. Es war wie ein Wirbelsturm, ein wilder Sturm aus Licht, Freude, Ekstase. Ich ertrank darin.
Es war so ungeheuer wirklich, dass alles andere unwirklich wurde. Die Wände des Zimmers wurden unwirklich, das Haus wurde unwirklich, mein eigener Körper wurde unwirklich. Alles war unwirklich. Denn nun war zum ersten Mal die Wirklichkeit da.
Deshalb fällt es uns so schwer, Buddha oder Shankara zu verstehen, wenn sie sagen, die Welt sei Maya, ein Trugbild. Denn wir kennen nur diese Welt, wir haben keinen Vergleich. Dies ist die einzige Realität, die wir kennen. Wovon reden diese Leute? Alles ist Maya, Illusion? Das ist die einzige Wirklichkeit. Wenn du das wirklich Wirkliche nicht erfährst, kannst du ihre Worte nicht verstehen. Sie bleiben Theorie, sie wirken wie Hypothesen. Vielleicht vertreten sie eine neue Philosophie: »Die Welt ist unwirklich.«
Berkeley,der im Westen sagte, die Welt sei unwirklich,ging mit einem Freund spazieren, der ein sehr logischer Mann war, fast ein Skeptiker. Der Freund nahm einen Stein und warf ihn Berkeley auf die Füsse. Berkeley schrie auf Er blutete. Der Skeptiker sagte: »Na, ist die Welt immer noch unwirklich? Warum hast du dann geschrien? Ist der Stein unwirklich? Warum hast du dann geschrien? Warum hältst du dein Bein und warum sieht dein Gesicht so schmerzverzerrt aus? Es ist doch alles unwirklich!«
Ein solcher Mensch kann nicht verstehen, was Buddha meint, wenn er sagt: Die Welt ist ein Trugbild. Er meint damit nicht. dass du durch die Wand gehen kannst. Er sagt nicht, dass du Steine essen kannst und dass es keinen Unterschied macht, ob du Steine oder Brot isst. Das sagt er nicht.
Er sagt, dass es eine andere Realität gibt. Wenn du sie einmal erfährst wird diese so genannte Realität verblassen, sie wird, einfach unwirklich. Nur mit einer höheren Wirklichkeit im Blickfeld kann ein Vergleich aufkommen, sonst nicht. im Traum ist der Traum wirklich. Du träumst jede Nacht, und jeden Morgen sagst du, es war nicht wirklich. Und wenn du nachts wieder träumst, ist der Traum wieder wirklich. Im Traum ist es schwer, sich daran zu erinnern, dass es ein Traum ist, aber am Morgen ist es einfach. Was geschieht? Du bist der selbe Mensch. Im Traum gibt es nur eine Realität.Wie soll man Sie vergleichen? Wie soll man sagen, sie sei nicht wirklich? Im Vergleich womit? Es ist die einzige Realität. Alles ist so unwirklich wie alles andere. Es gibt nichts zu vergleichen. Wenn du morgens die Augen öffnest, ist eine andere Realität da. Nun kannst du sagen, der Traum war unwirklich. Nur im Vergleich zu dieser Realität wird er unreal.
Es gibt ein Erwachen. Und im Vergleich mit der Realität jenes Erwachens wird diese Realität unwirklich.
In jener Nacht verstand ich zum ersten Mal die Bedeutung des Wortes Maya. Ich kannte das Wort natürlich, seine Bedeutung war mir auch bekannt. Genau wie euch die Bedeutung bekannt ist, so war sie auch mir bekannt. Aber ich hatte sie vorher nie verstanden. Wie kann man etwas verstehen, ohne es erfahren zu haben? In jener Nacht öffnete sich die Tür zu einer anderen Wirklichkeit. Eine andere Dimension wurde sichtbar. Plötzlich war sie da, die andere Wirklichkeit, die besondere Wirklichkeit - das wirklich Wirkliche, oder wie immer ihr es nennen wollt. Nennt es Gott, nennt es Wahrheit. nennt es Dharma, nennt es Tao oder wie immer ihr wollt. Es hatte keinen Namen. Aber es war da: so transparent und doch so Solide, dass man es hätte anfassen können!
Ich erstickte fast daran in diesem Zimmer. Es war zu viel, und ich war noch nicht in der Lage, es zu absorbieren. Ich verspürte einen starken Drang, aus dem Zimmer zu rennen, hinaus unter den offenen Himmel. Es war zum Ersticken! Es war zu viel! Es würde mich umbringen! Wäre ich nur wenige Momente länger im Zimmer geblieben, wäre ich erstickt, so sah es für mich aus. Ich rannte aus dem Haus hinaus auf die Strasse. Ein starker Drang trieb mich hinaus, um unter dem offenen Himmel mit den Sternen, den Bäumen, der Erde zu sein, um in der Natur sein. Und sobald ich draussen war, verschwand das Gefühl des Erstickens. Das Zimmer war zu klein für dieses ungeheure Phänomen gewesen. Selbst der Himmel ist zu klein für etwas so Grosses. Es ist grösser als der Himmel. Auch der Himmel ist keine Grenze dafür. Aber draussen fühlte ich mich wohler.
Ich ging in den nächsten Park. Es war eine ganz neue Art zu gehen, als ob die Schwerkraft verschwunden wäre. Ich ging oder rannte oder flog einfach - schwer zu entscheiden. Die Schwerkraft war nicht da. Ich fühlte mich schwerelos, als ob ich von einer Kraft getragen würde. Ich war in den Händen einer anderen Kraft. Zum ersten Mal war ich nicht allein, zum ersten Mal war ich kein Individuum mehr, zum ersten Mal war der Tropfen ins Meer gefallen. Nun gehörte mir das ganze Meer. Ich war das Meer. Es gab keine Grenzen mehr. Ich verspürte eine unbändige Kraft, als könnte ich alles tun, was immer es war. Ich war nicht mehr da. Nur diese Kraft war da.
Ich kam zu dem Park, wo ich täglich spazieren gegangen war. Der Park war nicht geöffnet, nachts war er geschlossen. Es war zu spät, fast ein Uhr nachts. Die Gärtner schliefen fest. Ich musste mich wie ein Dieb hineinstehlen, ich musste über das Tor klettern. Aber irgendetwas zog mich in diesen Park. Es lag nicht in meiner Hand, es zu verhindern. Ich liess mich einfach treiben.
Das meine ich, wenn ich euch immer wieder sage: »Lasst euch mit dem Fluss treiben, kämpft nicht gegen den Fluss.« Ich war entspannt, in einem Zustand des Loslassens. Ich war nicht da. Es war da - nennt es Gott. Gott war da. Ich möchte es lieber nur »Es« nennen, denn Gott ist ein zu menschliches Wort, das durch Abnutzung schmutzig geworden ist. Es ist von zu vielen Menschen verschmutzt worden. Ob Christen, Hindus oder Mohammedaner, ob Priester oder Politiker - sie alle haben die Schönheit des Wortes verdorben. Deshalb will ich es einfach "Es" nennen. Es war da und ich wurde davon getragen wie von einer Flutwelle.
Als ich den Park betrat, begann alles zu leuchten. »Es« war überall. Alles war gesegnet, begnadet. Ich sah die Bäume wie zum ersten Mal - ihr Grün, ihre Lebendigkeit, den Lebenssaft, der durch sie hindurchrann. Der ganze Park schlief; die Bäume schliefen. Aber ich konnte sehen, wie lebendig alles war. Selbst die kleinsten Grashalme waren wunderschön.
lch schaute mich um. Ein Baum leuchtete unglaublich, ein Maulbeerbaum. Er lockte mich, er zog mich zu sich hin. Ich habe ihn nicht ausgesucht, Gott selbst hat ihn ausgesucht. Ich ging zu dem Baum und setzte mich darunter. Als ich dort sass, beruhigten sich die Dinge allmählich. Das ganze Universum war ein Segen.
Es ist schwer zu sagen, wie lange ich mich in diesem Zustand befand. Als ich wieder nach Hause kam, war es vier Uhr morgens, also müssen es nach der Uhr etwa drei Stunden gewesen sein. Doch dieser Zustand war die Unendlichkeit. Er hatte nichts mehr mit Uhrzeiten zu tun, er war zeitlos. Diese drei Stunden wurden zur Ewigkeit, zur unendlichen Ewigkeit. Es gab keine Zeit. Die Zeit war stehen geblieben. Es war die jungfrauliche Wirklichkeit - unverdorben, unberührbar, unmessbar.
An jenem Tag geschah etwas, das geblieben ist. Nicht dass es so blieb, wie es war, sondern es geht wie eine unterirdische Strömung weiter. Es ist nicht etwas Beständiges, sondern es geschieht in jedem Moment wieder neu. Es ist ein Wunder, das in jedem Moment neu geschieht.
Seit jener Nacht bin ich nicht mehr in meinem Körper gewesen. Ich schwebe um ihn herum. Ich bekam eine unheimliche Kraft und war gleichzeitig sehr zerbrechlich. Ich wurde sehr stark, aber es ist nicht die Stärke eines Mohammed Ali. Es ist nicht die Stärke eines Felsens, sondern es ist die Stärke einer Rose - so zerbrechlich in ihrer Kraft, so empfindlich und zart Der Felsen bleibt stehen; die Blume kann jeden Moment vergehen. Und doch ist die Blume stärker als der Fels, weil sie lebendiger ist. Oder es ist die Kraft eines Tautropfens auf einem Grashalm, der in der Morgensonne glitzert - so schön, so kostbar, und doch kann er jeden Moment herabgleiten. Er ist so unvergleichlich in seiner Anmut. Doch es braucht nur eine kleine Brise zu kommen und der Tautropfen fällt hinunter und ist für immer verloren.



